24. Juni 2026
Die meisten kleinen und mittleren Unternehmen (KMUs) unterliegen seit Omnibus I keiner direkten gesetzlichen Nachhaltigkeitsberichtspflicht mehr und werden dennoch immer häufiger mit ESG-Anforderungen konfrontiert. Der Grund dafür liegt in der Regulierung der größeren Marktteilnehmer. Die regulatorischen Entwicklungen der letzten Jahre haben dazu geführt, dass Nachhaltigkeitsinformationen entlang der gesamten Wertschöpfungs- und Finanzierungskette an Bedeutung gewinnen.
Während große Unternehmen im Rahmen der CSRD weiterhin berichten müssen und Banken ESG-Risiken aufgrund aufsichtsrechtlicher Verschärfungen verstärkt in ihre Kreditvergabe integrieren, werden die daraus resultierenden Datenanforderungen an Lieferanten, Kunden und Geschäftspartner weitergegeben.
Für viele KMUs bedeutet dies, dass auch ohne gesetzliche Berichtspflicht ESG-Informationen immer häufiger zur Voraussetzung für Finanzierungen, Ausschreibungen oder langfristige Kundenbeziehungen werden. Denn Kunden, Investoren und Banken verlangen Nachweise zu Umwelt, – Sozial- und Governance-Praktiken und integrieren diese infolgedessen in die eigenen Entscheidungen und Berichte. Die zentrale Frage lautet daher nicht mehr, ob Unternehmen ESG-Daten bereitstellen müssen, sondern wie sie dies effizient und strukturiert umsetzen können.
Der VSME als pragmatischer Einstieg
Für Unternehmen außerhalb des direkten CSRD-Anwendungsbereichs bietet sich der VSME (Voluntary Sustainability Reporting Standard for SMEs) als pragmatische Zwischenlösung an.
Der Standard richtet sich speziell an nicht kapitalmarktorientierte KMU und ermöglicht durch den modularen Aufbau eine freiwillige ESG-Berichterstattung mit deutlich geringerem Aufwand als die CSRD. Während das Basismodul die wichtigsten ESG-Mindestinformationen umfasst, können Unternehmen mit dem Comprehensive-Modul zusätzliche Angaben zu Klimarisiken, Klimazielen, Menschenrechten oder Diversität ergänzen.
Inhaltlich orientiert sich der VSME an den bekannten ESG-Themen. Im Umweltbereich stehen insbesondere Energieverbrauch, Treibhausgasemissionen, Verschmutzung, Wasser, Biodiversität und Ressourcennutzung im Fokus. Die soziale Dimension verlangt Informationen zu Beschäftigten, Arbeitssicherheit, Weiterbildung und Vergütung. Der Governance-Bereich konzentriert sich unter anderem auf Korruptions- und Bestechungsfälle. Im Zusammenspiel entsteht ein standardisierter ESG-Datensatz, der sowohl für Banken als auch für Kunden und Investoren nutzbar ist.
Zu beachten ist jedoch, dass sich der VSME derzeit zum neuen Voluntary Standard (VS) weiterentwickelt. Die Europäische Kommission hat im Mai 2026 einen Entwurf für einen delegierten Rechtsakt veröffentlicht, der auf dem bisherigen VSME aufbaut und einen europaweit anerkannten Referenzrahmen für Unternehmen außerhalb der CSRD-Berichtspflicht schaffen soll. Künftig sollen die Offenlegungsanforderungen klarer strukturiert werden und Themen wie Klimaziele und Klimarisiken, Transformationspläne und Menschenrechte stärker in den Fokus rücken. Gleichzeitig wird die Anbindung an Banken, Investoren und berichtspflichtige Unternehmen weiter gestärkt.
ESG-Berichterstattung beginnt bei guten Daten
Die größte Herausforderung für Unternehmen liegt häufig nicht im Reporting selbst, sondern in der Erhebung und Verwaltung der notwendigen Daten. ESG-Kennzahlen müssen strukturiert, konsistent und nachvollziehbar erfasst werden, um für unterschiedliche Stakeholder nutzbar zu sein.
Digitale Lösungen wie der OeKB ESG Data Hub unterstützen Unternehmen dabei, ESG-Daten zentral zu erfassen, auszuwerten und bereitzustellen. Dadurch können regulatorische Anforderungen effizient erfüllt und gleichzeitig eigene Stärken sowie Verbesserungspotenziale sichtbar gemacht werden. Das integrierte VSME-Add-On ermöglicht dabei die gleichzeitige Abhandlung der freiwilligen Berichterstattung.
Doch ESG betrifft weit mehr als die reine Berichterstattung. Unternehmen und Organisationen, die Nachhaltigkeit langfristig erfolgreich steuern wollen, benötigen belastbare Prozesse, klare Verantwortlichkeiten und eine systematische Datenerfassung. Genau hier treffen ESG-Anforderungen und etablierte Managementsysteme aufeinander.
Der Vorteil von bestehenden Managementsystemen
Viele Unternehmen verfügen bereits über etablierte Managementsysteme wie ISO 9001, ISO 14001, ISO 45001 oder ISO 37301. Oft wird dabei übersehen, dass diese Systeme bereits einen wesentlichen Beitrag zur Erfüllung von ESG-Anforderungen leisten.
Umweltmanagementsysteme liefern beispielsweise Daten zu Energieverbrauch, Emissionen oder Ressourceneinsatz. Arbeitsschutzsysteme unterstützen soziale Themen wie Gesundheit und Sicherheit der Mitarbeitenden. Compliance-Managementsysteme schaffen die Grundlage für Governance-Themen wie Integrität, Korruptionsprävention und Risikomanagement.
Die integrative Betrachtung als Fundament für nachhaltigen Unternehmenserfolg
Organisationen mit bestehenden Managementsystemen können ihre vorhandenen Prozesse nutzen, ESG-Lücken identifizieren und Nachhaltigkeit systematisch integrieren. Nachhaltigkeit entfaltet ihren größten Nutzen somit, wenn sie nicht als einmaliges Reporting-Projekt verstanden wird, sondern als integrierter Managementprozess. Unternehmen, die bereits ESG-Aktivitäten aufgebaut haben, profitieren von den Strukturen, Rollen, Audits und Verbesserungsmechanismen etablierter Managementsysteme.
So bietet beispielsweise der PDCA-Zyklus (Plan–Do–Check–Act) einen bewährten Rahmen, um relevante ESG-Anforderungen und Stakeholder-Erwartungen zu analysieren, Ziele und Kennzahlen zu definieren sowie Verantwortlichkeiten festzulegen. Regelmäßige Überprüfungen, Audits und Management Reviews sorgen dafür, dass Fortschritte messbar werden und Verbesserungspotenziale erkannt werden können. So entsteht ein integriertes ESG-Management, das strategische Ziele mit operativer Umsetzung verbindet.
Fazit
Der VSME und künftig der VS bieten für kleine und mittlere Unternehmen einen praktikablen Rahmen für die strukturierte Nachhaltigkeitsberichterstattung. Den größten Mehrwert erzielen Unternehmen jedoch dann, wenn sie ESG nicht isoliert betrachten, sondern mit bestehenden Managementsystemen und Prozessen verbinden. ISO-Normen liefern die notwendigen Prozesse, Strukturen und Kontrollmechanismen, ESG gibt die strategische Richtung und Transparenz vor. Gemeinsam entsteht daraus ein wirksames und zukunftsfähiges Managementsystem für nachhaltigen Unternehmenserfolg.
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